Geburt · Rumpelstilzchen

Geburtsbericht Teil II

Sie willigt ein und holt die (Chef-)Hebamme, und tastet aber schonmal. Dann schaut sie zu mir hoch, und grinst verschmitzt: „Frau Hummelchen, Muttermund ist vollständig.“ Ich war wie vom Donner gerührt – wiebittewas??? Wir waren vor etwa 50 Minuten bei 6cm, das KANN doch nicht sein? Sie meint aber, sie könnte den Kopf sonst nicht so weit unten tasten, wir sind offen. Ich kann es kaum glauben (Schülerin, ne? +g+), und warte noch auf die Hebamme, die nachtastet. Sie lenkt ein wenig ein: Ja, vollständig, aber das was da unten tastbar ist, das ist noch nicht der ganze Kopf, das ist ein Wasserbläschen, das sich am Kopf gebildet hat, vermutlich kam zu früh Druck auf den noch nicht geöffneten Muttermund. Ich habe ein wenig Schuldgefühle, aber weiß ja, dass ich nicht gepresst habe… die Hebamme meint aber, das wäre nicht schlimm, und nun können wir da auch den CTG Pieks machen, die Stelle wäre eh schon ein bissl wund und daher taub, dann kriegt der Kleine das nicht so mit. Na „immerhin“. Sie kommt nochmal auf die PDA zu sprechen, sagt, dass ich die gleich haben könne, aber auch nochmal in 30 oder 45 min wenn ichs denn brauch (ganz überzeugt war ich an dem Punkt nicht mehr, weil, HEY, Muttermund vollständig HAHA). Sie guckt mich dann so an, und meint dann aber: „Ich glaub irgendwie nicht dass Sie eine brauchen werden, aber es ist Ihre Entscheidung.“ Ich glaube ihr, und verschiebe erstmal. Sie meint, ich solle versuchen, dem Pressdrang noch nicht nachzugeben, sondern so gut wie möglich zu veratmen, das Köpfchen brauche noch. Sie legt das CTG an den Kopf, und ich veratme tapfer. Auf das Pferdeschnauben „PFFFRRRRR“ funktioniert das ganz gut, erfordert aber enorme Konzentration, mir rauchen fast die Ohren. Die Schmerzen werden irgendwie immer nebensächlicher, sind zwar da, aber der Druck ist das Problem. Es fühlt sich so an als würde mein Körper von selbst pressen, wie ein Würgereflex, nur eben nabelabwärts. Es ist unglaublich schwer, nicht nachzugeben, und oft geht es auch nicht anders, mit einem „hmppp“ presst sich mein Körper mit, und ich fühle mich schuldig. Die Hebamme sieht, dass ich mich ärgere, und beteuert, es sei normal dass es nicht immer geht, und so ein kurzes Mitpressen (es fühlt sich aber wirklich mehr wie würgen an) mache gar nix, ich solls nur nicht „schleifen lassen“, den Rest macht der Körper wie ers braucht. Einfach bei der Sache bleiben und schön fleißig weiteratmen, dann richtet sich alles. Wieder lobt sie mich für die erlernte Atemtechnik. Ich wechsele zwischen sch-sch-sch, dem bekannten Hecheln, Ha-Ha-Ha und eben dem PFFFRRR, meinem Liebling (für lange Konzentration ist das gesteuerte Schnauben hervorragend, für Kontrolle wiederfinden nach Mitpressen-müssen die anderen). Es ist anstrengend, und ich schaue oft auf die Uhr, denke „mann wie lange noch?“, und bin sehr erleichtert, als ich um 18h gefragt werde, welche Position ich gegen Ende haben möchte. Ich sage, dass ich gerne auf die Matte möchte, den Hocker probieren oder 4füßler. Es wird alles hergerichtet und ich darf nach unten.

Wir beginnen erstmal seitlich liegend, was eigentlich auch ganz angenehm ist, und auch entspannend. Denn ich merke mittlerweile: Ich habe den ganzen Tag noch nichts gegessen, von ein paar trockenen Keksen morgens abgesehen, und insgesamt viel zu wenig getrunken. Mein Mann versorgt mich zwar regelmäßig mit Wasser, was bisher ausgereicht hat, aber ich habe jetzt den Eindruck nichts mehr schlucken zu wollen, weil es wieder hochgedrückt wird. Ich schaffe also nur regelmäßig grad den Mund zu befeuchten, und die Energie aus den Traubenzuckerstückchen neigt sich rasant dem Ende. Ich fühle mich müde und schwer, bin aber sehr motiviert: jetzt wird’s endlich ernst!!

Die Pressphase empfand ich zu dem Zeitpunkt trotzdem als die angenehmste. Ich hatte so gut wie gar keine Schmerzen, es war eher unangenehm, dass es meinen Körper so durchgewürgt hat, aber mit Pressen dürfen war es nur noch anstrengend und schweißtreibend, kaum schmerzend. Ich konnte die Wehenpausen ausgezeichnet zur Erholung nützen und verschnaufen. Was mir nicht auffiel: ich hatte so gut wie keine Wehenpausen mehr (hat mir später der Mann erzählt, daher sollte ich auch erstmal liegen). Das hat dem Kleinen ein wenig sehr zugesetzt, und ich bekam einen Zugang gelegt und Wehenhemmer. Ich hatte das zu dem Zeitpunkt nicht kommen gesehen, und war geschockt: was, dem Kleinen geht’s nicht gut??? Die Hebamme hat sich mit der Ärztin beraten, ich habe nicht gehört was sie da hinter mir reden, und werde nervös, frage immerzu, was denn los sei! Endlich erklärt mir die Hebamme, es sei gar nicht schlimm, wir machen nur eine kurze Pause, damit er mal verschnaufen kann. Das CTG hat sich auch sofort gebessert, und wir können weitermachen. Ich bin erleichtert. Meine Wehen sind danach aber auch erleichtert (auch ohne Hemmer), und kommen zwar schön regelmäßig, sind aber zu kurz. Ich kann nur ein paar Mal pressen, vielleicht nur 2 mal lange: den „Anfang“ jeder Wehe würgt nur mein Körper kurz mit bis sie richtig „da“ ist, dann kommen 2 kontrollierte, langgezogene und anstrengende Presser, bei denen ich die Hand meines Mannes als Gegengewicht in die Mangel nehme, aber dann ist schon Schluss. Da die Hebammen immer nach noch einem Mal fragen, und dann immer „Wehe schon weg?“ ist mir auch klar dass da mehr gehen muss. Diesmal also keine Wehenhemmer, sondern WehenhÄmmer 😉 Ich empfinde das als nicht schlimm, die Wehen werden nicht stärker oder häufiger sondern dauern nur wie geplant länger.

An der Stelle muss ich einmal etwas sagen: ich stand hier bereits völlig unter Droge. Meine Fresse, was körpereigene Endorphine bewirken können ist schon geil. Ich hatte eigentlich GAR keine Schmerzen, nicht mal leichte, und ich habe von der Welt um mich so gut wie nichts mehr mitbekommen. (Im Nachhinein bin ich sooo dankbar den Weg gegangen zu sein, wer weiß, wenn ich eine PDA und keine Hormonschwälle gehabt hätte, die auch den Kleinen benebeln, wie ers verkraftet hätte, aber dazu später..) Ich verstehe auch nicht, was die Hebammen zu mir sagen, ich registriere eigentlich nur eine Stimme, und zwar die vom Mann: er muss quasi alles übersetzen. Was er sagt, das tue ich auch. Ich höre auf jedes „ruuuuhig“, wenn ich nach einer anstrengenden Wehe keuche statt tief zu atmen, befolge sein „entspann dich“, oder „mach die Augen zu“, alles kommt ungefiltert direkt zu mir, und ich mache ohne zu hinterfragen. In den Momenten habe ich (natürlich erst im Nachhinein verstanden) gemerkt, wie sehr ich ihm vertraue, und wer er eigentlich für mich ist. Ich habe mich von ihm durch diese anstrengenden Stunden lotsen lassen, wie es bei niemand anderem möglich gewesen wäre, und ich weiß nicht wie ich das ohne ihn hätte schaffen sollen. Auch wenn ich glaube, dass er währenddessen gar nicht wusste, wie viel er wirklich getan hat, vielleicht glaubt er sogar er hätte kaum beigetragen – ich konnte es nämlich nicht ertragen, von ihm angefasst oder gestreichelt zu werden – er bestand für mich nur aus seiner Hand und Stütze, und seiner Stimme. So wenig, und doch so unglaublich viel und unersetzbar.

So gut es mir eigentlich mit der Pressphase ging, so rasant ging es mit meinen Kräften abwärts… Nachdem ich länger kräftig mitpressen durfte, raten mir die Hebammen zum Schonen, ich soll nur soviel mitpressen wie mein Körper „muss“. Allerdings ist das Müssen zu dem Zeitpunkt kaum weniger als volle Kraft. Das angenehm-benebelte wird ein wenig drückender, ich bin unglaublich müde und der Überzeugung, nicht mehr lange mitmachen zu können. Ich kann das nicht mehr sagen, aber man sieht es mir wohl an. Ich werde gefragt, wie lang ich noch kann, ich solle einschätzen – 10 Minuten, 30? Ich sage, eine halbe Stunde packe ich wohl noch, aber viel andere Wahl hab ich ja nicht? Am Rande bekomme ich mit, wie die Chefhebamme diverse Dinge aufstellt, mir warme Lappen unten auflegt. Ich habe kurz die Hoffnung dass es schon bald an den Dammschutz geht (wäre ja n gutes Zeichen?), aber es fühlt sich für mich schon länger so an als würde sich unten nichts mehr bewegen. Ich spüre den Kopf deutlich unten stecken, aber mehr ist nicht. Irgendwie kann ich das noch vermitteln, und die Hebamme fühlt beim nächsten Pressen mit: Doch, mein Druck kommt gut unten an, ich presse in die richtige Richtung. Aber ich sehe, dass sie mich ernst nimmt. Sie kontrolliert ab da häufiger, und ich glaube sie versucht mich unten ein wenig zu dehnen (hat sich alles total diffus angefühlt, keine Ahnung was da unten vor sich ging).

Ich schöpfe wieder ein wenig Kraft, als ich so etwas wie ein Brennen in Dammgegend spüre – hey, das muss gut sein, da tut sich was! Ein paar Wehen geht das so, ich kann/muss volle Kraft pressen und bin motiviert, das zu Ende zu bringen. Leider wird aus dem Brennen kein „mehr“, und der Raum beginnt sich zu füllen, wie ich etwas später erkannt habe. Ich werde von der Hebamme aus meiner „Trance“ geholt. Sie erklärt mir, dass wir ihn jetzt da raus haben wollen, und sie mich unterstützen möchten, aber dafür muss ich zurück aufs Kreißbett. Ich bekomme Sorge – wie bitte soll ich da hochkommen?? Nach der nächsten Wehe zittere ich mich auf die Knie, ich kann mich kaum aufrichten, helfe mir am Seil und schaffe es irgendwie mehr schlecht als recht aufs Bett. Ich bekomme ein Tuch unterm Rücken und eine Ärztin erklärt mir, dass sie jetzt von oben mithelfen wird. Ich ignoriere das aufkeimende Schamgefühl „ich schaffe es also nicht alleine“ und hoffe dass es nun klappt. Andernfalls, so bekomme ich mit, müsse die Saugglocke ran. Ich bekomme nun Angst, möchte einfach nur mein Baby normal und alleine bekommen können, aber als ich erfahre, dass mein Kleiner Stress hat und seine Herztöne schlechter werden, ist mir alles egal. „Scheiß aufs Ego, dem Kleinen muss es gut gehen“ denke ich schnell und sage, sie sollen einfach machen was gemacht werden muss.

In der nächste Wehe pressen wir also zu zweit – sie von oben, und ich so fest ich nur kann. Am Ende der Wehe meint die Ärztin „Nein, ich quäl Sie damit nicht weiter, das hilft uns nichts.“ Ich merke, wie sie die Saugglocke auspacken, und bekomme angekündigt, dass es nun unangenehm wird. Es tut zwar weh, aber mein Kopf ist ganz wo anders, das komische Gefühl unten lässt sich gut ertragen durch tiefes Atmen. Ich werde sehr gelobt und davon überzeugt, dass sie das allen in dem Moment sagen 😉 Bei der nächsten Wehe ist die Saugglocke dran, und es wird wieder gearbeitet. Ich spüre, dass es jetzt deutlich spannt und bemerke doch deutliche stechende, brennende Schmerzen. Aua. Aber egal, ich will nur noch mein Baby. Von unten höre ich Schmatzgeräusche der Glocke und denke noch „die rutscht aber dauernd ab, oder?“ Sprechen kann ich natürlich nicht mehr. Ich merke auch nicht, dass sich etwas ändert, aber mein Mann sieht, dass sie noch etwas zum „Hebeln“ dazunehmen, das wie ein Spatel aussieht (Zange?) und dann die Saugglocke erneut andocken. Wie gesagt – davon hab ich weder mitbekommen noch gespürt. Das schmerzhafte Brennen und Stechen bleibt noch 3 Wehen, ich soll mir jetzt unter den Kniekehlen durchfassen und mich nach vorne drücken, was ich versuche so gut es geht zu machen. Am Ende der (geschätzten) 3. Wehe bekomme ich gesagt, das Köpfchen sei draußen.

Fortsetzung folgt…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s