Gedanken · WorkingMum

Alles auf neu

Nach etlichen Rückschlägen und Absagen konnte ich vor wenigen Wochen endlich punkten bei einem Vorstellungsgespräch, auch das darauf folgende Probearbeiten/Hospitieren lief toll und somit arbeite ich seit letzter Woche wieder, und zwar in meinem Wunschbereich, der Jugend- und Familienhilfe. Wie schon beim letzten Mal (bevor ich an der Uni gearbeitet und diesen Wechsel bitter bereute) ist es ein Mädchenheim, diesmal speziell für Borderline-Fälle. Wer sich ein wenig auskennt, weiß dass die Arbeit und der Umgang mit diesem Störungsbild echt nicht ohne sind, man nur sehr selten und sehr wenige Erfolge verbuchen kann und dass es in der Gruppe eine hohe Rate an Suizidalität gibt (erfolgreiche und alle Abstufungen davor). Ich hab mir das gut überlegt, ob ich mir das zumuten kann, und schließlich war neben dem Abwägen der echt nett wirkenden Kollegen und Chefs auch folgendes Video, das mir im richtigen Moment reinspülte (es geht darin um Pflegefamilien, aber die Grundthematik/Problematik ist ja vergleichbar):

Es ist einfach genau der Bereich, in dem ich mich „zuhause“ fühle. Ich habe etliche Fortbildungen zum Thema Trauma und spiele momentan auch mit dem Gedanken an eine traumatherapeutische Ausbildung, grade gestern hat mir eine Kollegin den Mund wässrig geredet.. 😉 Ich empfinde das als so wichtigen Bereich, der so viel Hilfe benötigt, und glaube dass viele sich daran stören dass man SO wenige Erfolge oder Dankbarkeit erwarten kann. Dennoch bin ich der festen Überzeugung niemals etwas Gutes umsonst getan zu haben. Auch Mädchen, die aus der Einrichtung gingen, ohne dass man irgendeine Verbesserung gesehen hat, sind von mir im Rahmen der psychologischen Begleitung mit „Werkzeug“ bestückt worden, das sie eventuell irgendwann, Jahre oder Jahrzehnte später, wieder oder erstmals aus ihrem Köfferchen ziehen können. Jede Vernachlässigung, jeder Übergriff bleibt gespeichert und hinterlässt Spuren. Warum soll nicht alles Nette oder Liebevolle, Gute oder auch nur normal-Konstante Spuren hinterlassen, die irgendwann einmal Früchte tragen? Ich glaube fest dass es so ist.
IMG_20150715_084631253

Natürlich ging der Start dann doch nicht so rosarot wie ich mir das gerne gewünscht hätte. Gleich am ersten Arbeitstag verkündeten die Schwiegereltern, die sich netterweise bereit erklärt hatten die Jungs an den 3 Nachmittagen, an denen ich arbeite (insg. 50% zZ) zu hüten, dass sie im September direkt im Anschluss an die 3 Wochen KiTa Ferien 2 Wochen auf Urlaub wegfahren würden. BÄMM. Der Mann nimmt also 3 Wochen Urlaub während der Ferien, anschließend eine Woche ich, und die letzte verbleibende Woche müssen wir hoffen mit angesammelter Gleitzeit (die wir beide GOTTSEIDANK haben) ausgleichen zu können. Klingt theoretisch lösbar, praktisch hatte es zu Folge dass ich seither jeden Tag mit Herzrasen und Zittern wach wurde, aus Angst vor dieser unangenehmen Lage, und aus Sorge entweder die Kinderbetreuung nicht abdecken zu können oder Schwierigkeiten in der Arbeit zu bekommen (ne Woche Urlaub in der Probezeit, da muss halt schon der Arbeitgeber nett sein das mitzuspielen). Theoretisch weiß ich dass es gehen sollte, praktisch habe ich mich einfach an diese neuen Herausforderungen noch nicht gewöhnt. Neues und große Veränderungen stressen mich allgemein unglaublich, auch wenns was Gutes ist, und hinterlässt mich entsetzlich angespannt und nervös. Aber ich weiß dass sich das legen wird, und ich da reinwachsen werde/muss.

Denn eigentlich freue ich mich sehr über diesen neuen Lebensabschnitt. Zum Einen natürlich, weil der Arbeitssuche Druck wegfällt. Obwohl wir mit 50% Teilzeit unsere Kosten eigentlich grade so decken (fällt halt auch viel weg mit Benzingeld usw), und es an der Kippe zur Rentabilität ist, so tut es mir und meinem Lebenslauf einfach sehr gut. Ich glaube nicht, dass dieser Bereich einer ist in dem man Jahrzehnte arbeiten kann, aber ich finde es gut jetzt dort zu sein.

Und damit der Einstieg nicht ganz langweilig wird war der Kleine an meinem 4. Arbeitstag krank (klaaaar!) und kaum wieder zurück konnte ich gestern die erste heftige Nummer erleben, bei der ein Mädchen einen 3 stündigen Anfall hatte, erst auf ihren Freund einprügelte und dann auf uns 3, die sie zurückhielten einschlug, völlig austickte, sich herumwarf, schrie, brüllte, und nur mit sehr viel Geduld wieder händelbar wurde. Wir kamen um Haaresbreite drum herum, Polizei und Notarzt einzuschalten, und außer ihrem Handy kam nichts zu ernsthaftem Schaden.
Bevor ich schließlich nach Hause fuhr verabschiedete sie sich mit einer Entschuldigung und einer Umarmung.

.
Auf bald,
Hummelchen

Advertisements

6 Kommentare zu „Alles auf neu

  1. Bist du das auf dem Bild? Total lieb siehst du aus.

    Ich kann verstehen, dass die der Urlaub deiner Schwiegereltern nervt. Aber euer Plan hört sich doch echt gut an!

    Ich habe großen Respekt vor dir und deiner Arbeit. Ich könnte es glaube ich nicht, denn ich würde immer einen Teil mit nach Hause nehmen…

    Liebe Grüße

    1. Ja das bin ich 😉
      Ich denke das ist Typsache. Ich weiß eigentlich auch nicht warum ich das kann, aber gefühlsmäßig kann ich die Arbeit sehr gut von meinen Privatgefühlen trennen, obwohl mir sonst sehr viel sehr nahe geht. Ich weiß aber auch dass es viele gibt, die das nicht loslässt im Feierabend, und die hören dann auf.
      Aber wie gesagt, über viele Jahre am Stück kann mans denk ich nicht machen…
      Edit: dazu muss man aber sagen, dass es viel von den Kollegen abhängt wie gut man mit unschönen Situationen umgehen kann. Es ist unglaublich erleichternd wenn man einander gut kennt, und zB nach so einer Situation wenn eine früher gehen müsste und das glimpfliche Ende nicht erlebt, sie per Mail oder sms kurz benachrichtigt dass alles gut ausging, um sie daheim aufatmen zu lassen. Mit der Zeit weiß man halt wer womit gut kann und womit nicht, und gute Kollegen helfen da unglaublich im Job stark zu bleiben. Darum hab ich darauf so viel Wert gelegt bei meiner Entscheidung.

  2. Liebe Hummelchen,

    Puh. Borderline. Mein Exfreund ist Borderliner und das war eine harte Zeit.
    Ich hatte die Möglichkeit nach meiner Ausbildung in einem Bereich mit Borderlinern zu arbeiten, aber nach zwei Hospitationstagen war mir klar, dass das nichts für mich ist. Ich habe großen Respekt vor Menschen, die das gut handeln können.
    Ich wünsche dir, dass du dich gut einfindest, dich wohl fühlst und etwas bewegen kannst. 🙂
    Viele Grüße,
    Emma

    1. Ja ich empfinde es schon nach ein paar Tagen als Herausforderung, obwohl ich den Heimalltag ja schon von früher gut kenne, und es drängt mich schon sehr noch eine Therapie Ausbildung dran zu hängen um einfach mehr „tun“ zu können (und zu dürfen).

  3. Danke für den interessanten Text!
    Obschon ich Dich ja überhaupt nicht kenne und ich „per Zufall“ auf Deinen Blog gestossen bin, finde ich Deine Schreibweise so lebendig und spannend, dass ich gerne mitlese…

    Ich wünsch Dir das Allerbeste zur Bewältigung Deiner Herausforderungen!

    Bis auf hoffentlich bald wieder…!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s