Gedanken · Schwangerschaft · WorkingMum

Abschied nehmen

Die letzten Wochen, nein eigentlich die letzten Monate, waren sehr anstrengend. Diese Schwangerschaft war generell eher beschwerlich, mit vielen Zipperlein hier und da, und dazu kamen eben noch die beiden Kinder, die mich voll und ständig beanspruchten, und so ganz nebenher ist da eben noch ein ganzes Haus, das zumindest auf einem minimalem Niveau konstant in Schuss gehalten werden muss. Ich hatte ernsthaft unterschätzt, wie viel Kraft mir das rauben würde.

Einmal alles perfekt bitte

Ernsthaft viel Energie saugte mir aber dieses „Vereinbarkeits-Ding“ ab, das schon unter normalen Umständen ein Eiertanz ist. Nun bin ich aber zusätzlich in einem Beruf, in dem mein Ausfallen tatsächlich schwer auffällt. Ich arbeite in einer Heimeinrichtung für jugendliche Frauen mit diversen echt hammerharten psychologischen/psychiatrischen Diagnosen, es geht immer auch um Suizidprävention und einer zu erwartenden Letalität von je nach Lebensphase 5-20%. Da bleibt man eben nicht daheim, wenn’s zwickt – zumindest nicht ohne von schlechtem Gewissen förmlich erschlagen zu werden. Theoretisch wären dort 2 PsychologInnen, aber meine Kollegin war nicht wirklich fachlich fit, und das habe ich mehr als deutlich zu spüren bekommen.

Mehr als einmal war ich deutlich über dem Punkt, den ich mir so von Vernunftsgründen zumuten würde, und im Nachhinein bereue ich die ein oder andere Entscheidung, hätte mir gerne öfter und konsequenter Freiräume für mich und eine gesunde Schwangerschaft genommen. Aber nun ist es einmal so. Umso mehr freute ich mich auf den Beginn meines Mutterschutzes, mehr als einmal habe ich die Tage gezählt.

Der Abschied ist natürlich aber so ein Ding, das nicht so richtig Spaß macht. Zum Einen arbeite ich gern dort, mag meine KollegInnen, meine Chefin, mag es einfach das Gefühl zu haben, an gewichtigen Themen zu arbeiten, am Abend zu wissen, wofür ich diesen Beruf gewählt habe, und nicht zuletzt mag ich meine Klientinnen. Grade da ist der Abschied etwas, das mir einen Kloß im Magen verschaffte, weil viele da so ihr Problem damit haben, und ich erwartete, dass das entsprechend unschön laufen würde. Ich rechnete mit massiver Ablehnung und Abwertung aus Angst vor der Trennung von einigen, und bekam genau das. Ich rechnete mit Angst und Tränen, und wurde bestätigt. Ich stellte mich auf Rückzug und Isolierung ein, und auch das trat ein. Bis zuletzt beharrte ich auf einem persönlichen und ritualisierten Abschied, und rang die Zusage allen ab; mit einer Ausnahme erfolgreich. Jedes meiner Mädels bekam zum Abschied Einhornschokolade mit lustigem Spruch und einen Fidget Spinner zum Skillen, und eine Umarmung – wenn sie sie wollten. Ich schluckte, und ging.

Meine Vertretung ist eine blutjunge Frau, direkt nach dem Studium, und sie wird sicher öfter mal maßlos überfordert sein. Ich nahm mir unglaublich viel Zeit für eine punktgenaue Übergabe, setzte viele Akzente und Rufzeichen an den bedeutsamen Stellen und bereitete sie auf Herausforderungen vor, so gut ich konnte. Ich erzählte ihr, dass sie Vieles hören wird, und dass sie sich darauf einstellen soll, dass sie sich wappnet für schlimme Erzählungen von Gewalt, Missbrauch, Vergewaltigungen, und dass sie denkt „so nun komm ich damit klar“, und dann erzählt eine etwas verglichen damit völlig Banales, und es wird einen so unerwartet im Kern treffen, dass man dasitzt, um Fassung ringt, und bei allem authentischen Reagieren bemüht ist, der Klientin nicht zu zeigen, wie sie einen damit erschüttert hat. Ich habe ihr ans Herz gelegt, sich vorher zu überlegen wie sie in so einer Situation das Gespräch respektvoll vertagt, ohne das Mädchen vor den Kopf zu stoßen, aber selbst noch hilfreich zu bleiben. Ich habe sie darauf vorbereitet, dass sie auch aus tiefster Seele gehasst werden wird.

Dem neuen Kollegen, der für meine Ex-Kollegin kommt, habe ich versucht einen sanften Start zu ermöglichen, denn… er ist ein Mann. Egal was er macht, er wird mit viel Ablehnung konfrontiert werden. Ich bedaure es unglaublich, nicht mit ihm zusammen arbeiten zu dürfen, wir waren fachlich sofort auf einer Wellenlänge, er ist ein eher älteres Semester und schon sehr erfahren. Er hat eine erfrischende Kombination aus Kaltschnäuzigkeit, Abgeklärtheit, Realismus, Erfahrung, tiefem Verständnis und Einfühlungsvermögen, von der ich gerne ein wenig zapfen und profitieren würde. Er wiederum scheint von mir begeistert, warf mir nach der Übergabe und dem Lesen einiger meiner Berichte Komplimente um die Ohren (hey komm, tut auch mal gut sowas zu hören *hust*) und hoffte, dass wir nach dem Jahr Elternzeit zusammen arbeiten würden. Ich auch.

An meinem letzten Tag stand der Abschied vom Team an. Wir machten es recht „kurz und schmerzlos“, ich bekam Blümchen zum Abschied und wir planten, dass ich mal mit der Kleinen vorbei komme. In den beiden Büros der Wohngruppe ließ ich noch eine Packung Kaffee und Prinzenrolle stehen, dann hämmerte ich noch in Windeseile zwei Berichte in die Tasten, und gab dann meinen Schlüssel bei der Chefin ab. Nochmal durchschnaufen, eine Rose und ein Sonnenglas bekommen, und dann war es vorbei.

Schnief und juhu, auf in den Mutterschutz!

Auf bald!

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